Technik: Alles brennt
Mit einem neuen Verbrennungsmotor will ein griechischer Erfinder der Automobilindustrie das Fürchten lehren. Die technischen Daten überzeugen, doch der Nachweis der Alltagstauglichkeit steht noch aus.
Autoabgase sind ein Problem der chemischen Reaktionskinetik. Wenn Kohlenwasserstoffe an der Luft oder im Motorraum verbrennen, dann verlangt die Thermodynamik, daß bei vollständiger Verbrennung ausschließlich Kohlendioxid und Wasser entstehen. Ist dies nicht der Fall, dann hat das chemische System nicht vollständig reagiert, weil ihm die Zeit gefehlt hat, das chemische Gleichgewicht zu erreichen. Die Folge: Unverbrannte Kohlenwasserstoffe oder deren Oxidationsprodukte gelangen in die Umwelt. Ein Katalysator gibt diesem "halbgaren" Gemisch noch einmal die Gelegenheit, weiter zu reagieren und dem thermodynamisch vorgeschriebenen Gleichgewicht näher zu kommen.
An diesen Punkt setzt Prof. Bekiaroglou vom Institut für Physikalische Chemie der Universität Thessaloniki an. Er hat einen Motor entwickelt, bei dem das Reaktionsgemisch im Zylinder vollständig reagieren kann. Der "Rany-Motor" - nach der Ehefrau des Erfinders getauft - wurde auf der internationalen Chemiemesse ACHEMA '94 in Frankfurt vorgestellt.
Der wohl auffälligste Unterschied zu herkömmlichen Verbrennungsmotoren sind die fehlenden Ventile. Die Vorteile liegen auf der Hand: man gewinnt eine größere Freiheit bei der Brennraumgestaltung, und die Konstruktion wird vereinfacht. Bekiaroglou verzichtete zudem auf die Kurbelwelle und entwickelte eine Kurvenführung für die Bewegung des Kolbens. Dadurch bleibt der Kolben am oberen Totpunkt für längere Zeit unbewegt und erlaubt so die Vollendung der Verbrennung. Die Stickoxyd-Emission liegt dadurch um etwa achtzig Prozent, der Verbrauch um etwa vierzig Prozent niedriger als bei einem herkömmlichen Motor.
Ein weiterer Vorteil: Die Zweizylindermaschine mit sechshundert Kubikzentimetern Hubraum ist vierzig Zentimeter lang, hat einen Durchmesser von fünfzehn Zentimetern und wiegt nur siebzehn Komma fünf Kilogramm. Damit ließe sich theoretisch schon ein Kleinwagen für den Stadtverkehr antreiben.
Leider sind die wirtschaftlichen Chancen des Motors momentan eher
gering. Für eine sinnvolle wirtschaftliche Einführung
sei noch eine Menge Entwicklungsarbeit zu leisten. Ein Vertreter
von Volkswagen bestätigte, daß man sich mit dem Rany-Motor
beschäftigt habe, doch sei dieser derzeit noch der Gegenstand
theoretischer Forschungen. Allein die Tatsache, daß die
Entwicklung seines Motors nur einen winzigen Bruchteil der fünfhundert
Millionen Mark gekostet hat, die die Automobilindustrie für
die Motorentwicklung ausgibt, ist für Prof. Bekiaroglou Anlaß
zum Optimismus.
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